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AUSBILDUNGSREIFE

Zwischen Schule und Arbeitsleben

Im IHK-Magazin 'Unsere Wirtschaft' erklären Marlene Lindenberg, Fachberaterin Berufsorientierung an der Haupt- und Realschule der Samtgemeinde Isenbüttel, und Carsten Kamke, Ausbilder des Industrieunternehmens Butting aus Knesebeck, wie eng Schulen und Unternehmen miteinander kooperieren – und wie sehr die Schüler davon profitieren. Wer die eigenen Stärken und Schwächen richtig einschätzen kann, hat es leichter, Unternehmen in der Bewerbung zu überzeugen. Und die Unternehmen, die in der Region präsent sind, trifft der erwartbare Fachkräftemangel wahrscheinlich weniger stark. Denn Technische Produktdesigner, Zerspanungsmechaniker und Kaufleute für audiovisuelle Medien werden schließlich gebraucht.

gespraech2 Zoom Marlene Lindenberg und Carsten Kamke im Gespräch.

Unsere Wirtschaft: Herr Kamke, warum bildet das Familienunternehmen Butting aus?

Carsten Kamke: Ziel ist es, unseren Facharbeiterbedarf durch unsere eigenen Lehrlinge zu decken. Das ist ein Grundsatz von Butting und letztlich legen wir so die Basis für die Zukunft unseres Betriebs. Mit einer Ausbildung wollen wir den Schülern aus der Region eine Perspektive bieten. Da wir stark im Raum Gifhorn verwurzelt sind, übernehmen wir somit auch soziale Verantwortung.  

Marlene Lindenberg: Das finde ich bewundernswert an Ihrem Betrieb: Sie bilden Ihre eigenen hoch qualifizierten Facharbeiter aus. Wenn einer unserer Schüler hier seine Ausbildung beginnt, dann sagen die anderen: „Das ist ja wie ein Sechser im Lotto!“

Kamke: Die Produktion unserer High-Tech-Produkte erfordert in vielen Bereichen sehr spezielles Know-how. Wir können unseren Bedarf an verantwortlichen Facharbeitern kaum auf dem Arbeitsmarkt decken.

Nach welchen Kriterien wählen Sie Ihre Auszubildenden aus?

Kamke: Wir machen uns ein sehr umfangreiches Bild von den Bewerbern. Aufgrund der eingereichten Unterlagen treffen wir eine Vorauswahl.

kamke Zoom Carsten Kamke ist Ausbilder des Industrieunternehmens Butting aus Knesebeck.

Dabei achten wir zum Beispiel auf die Zeugnisse, die sogenannten Kopfnoten für Arbeits- und Sozialverhalten sowie die Fehltage. Die meisten Bewerber nehmen anschließend an einem online geführten Berufseingangstest teil. Dort gleichen wir die beruflichen Anforderungen an die Bewerber mit deren Fähigkeiten ab. Wir stellen auch einige Fragen zum Betrieb und zu unseren Produkten. Das Interesse an Butting ist uns bereits in diesem frühen Stadium sehr wichtig.

Wie schneiden die Bewerber bei diesen Tests ab?

Kamke: Natürlich schneiden einige in manchen Bereichen besser, in anderen schlechter ab. Ich habe aber nicht den Eindruck, dass sich diese Ergebnisse in den letzten Jahren verschlechtert haben.

Konnten Sie zuletzt Ihre freien Ausbildungsplätze besetzen?

Kamke: Grundsätzlich können wir das. Ein überwiegender Anteil derjenigen, denen wir einen Ausbildungsplatz anbieten, nimmt ihn fast immer an. Wir wissen aber auch, dass sich das in der Zukunft ändern kann. Wir müssen einiges leisten, um auch weiterhin attraktiv für Bewerber zu sein.

Ergreifen Sie spezielle Maßnahmen im Vorgriff auf den erwartbaren Fachkräftemangel?

Kamke: Unser Ausbildungsplatzangebot richtet sich nach dem zukünftigen Bedarf, den wir im Unternehmen planen können. Außerdem tun wir viel dafür, eine hohe Bindung an das Unternehmen zu schaffen: durch eine qualifizierte Ausbildung, einen guten Ruf als Arbeitgeber in der Region und durch eine Perspektive, die wir unseren Lehrlingen nach der Ausbildung bieten. Ein sicherer Arbeitsplatz ist wahrscheinlich eines der wichtigsten Entscheidungskriterien aus Sicht des Bewerbers für oder gegen ein Unternehmen. Um möglichst früh Kontakt zu potenziellen Bewerbern aufzunehmen, bieten wir auch immer wieder Praktikumsplätze an. Bis Mai dieses Jahres haben wir über 50 Praktikanten aus zehn verschiedenen Schulen. Die Betreuung bedeutet eine hohe Belastung für die Abteilungen, jedoch ist die Anzahl der Praktikanten relativ hoch, die sich später im Auswahlverfahren für Ausbildungsplätze durchsetzen.

Zu Ihren Aufgaben im Unternehmen zählt auch die Kontaktpflege zu den allgemeinbildenden und den berufsbildenden Schulen der Region. Wie sieht die Zusammenarbeit aus?

Kamke: Mit den allgemeinbildenden Schulen arbeiten wir sehr eng in der Berufsorientierung zusammen, zum Beispiel durch unser Angebot an Praktikumsplätzen sowie unsere Teilnahme an Berufsinformationsbörsen und Elternabenden. Zudem kooperieren wir mit den berufsbildenden Schulen der Region, unter anderem bei der Durchführung von Auslandspraktika mit Partnerschulen.

lindenberg Zoom Marlene Lindenberg ist Fachberaterin Berufsorientierung an der Haupt- und Realschule der Samtgemeinde Isenbüttel.

Lindenberg: Die Zeit nach den Zeugnissen im Februar nutzen wir für eine Berufsorientierungswoche, an der sowohl Schüler als auch Eltern und Lehrer teilnehmen. Wir laden Vertreter von Unternehmen, Arbeitsagenturen und Verbänden ein, um verschiedene Berufe vorzustellen. Alle berufsorientierenden Maßnahmen dokumentieren die Schüler in ihrem Berufswahlpass, einem Ordner, der die Bescheinigungen, Adressen von Ansprechpartnern, ein persönliches Profil und die Planung des Wegs zum Beruf enthält. Herr Kamke nimmt auch am Arbeitskreis Schule-Wirtschaft teil, einem Gremium, das die Zusammenarbeit zwischen den Kollegen aus dem Bereich Berufsorientierung und den Unternehmen regelmäßig weiterentwickelt.

Kamke: Das gehört für uns zur Rekrutierung von Lehrlingen. In gewisser Weise sind wir ja auch regional voneinander abhängig: Die Lehrer haben ein Interesse daran, dass ihre Schüler nach der Schule eine berufliche Perspektive erhalten, und wir interessieren uns für die Schüler als Lehrlinge. So organisieren wir unter anderem Projekttage, an denen Lehrkräfte bei Butting einen Schweißkurs absolvieren oder in den Ausbildungswerkstätten eingesetzt werden, um persönlich zu erleben, womit sich ein Anlagenmechaniker oder ein Werkstoffprüfer im Alltag beschäftigt.

Frau Lindenberg, welche zusätzlichen Angebote machen Sie Ihren Schülern in Sachen Berufsorientierung?

Lindenberg: Ab der achten Klasse führen wir ein Assessment durch und arbeiten ganz präzise heraus, welche Stärken ein Schüler in dieser Entwicklungsphase hat. Mit diesem Ansatz können die Schüler anfangen zu überlegen, was ihnen liegt und Spaß macht. Sie lernen den Unterschied zwischen Selbst- und Fremdeinschätzungen kennen. Die Ergebnisse dieses Assessments schreiben wir nieder und wiederholen es in den kommenden Jahren.

Kamke: Bei unserem Tag der offenen Ausbildung gehen wir noch ein Stück weiter und bieten einen Bewerber-Workshop an: Die Schüler setzen sich mit ihren Interessen auseinander und stellen dann die Anforderungen unserer Ausbildungsberufe gegenüber. In diesem Zusammenhang beraten wir die Jugendlichen, auch Alternativen zu ihrem Wunschberuf mit ähnlichen Inhalten in Betracht zu ziehen. Zahlreiche Schüler können sich unter den Berufsbezeichnungen und -inhalten überhaupt nichts vorstellen. 

Lindenberg: Deshalb machen wir auch regelmäßig Betriebsbesichtigungen. Die Auszubildenden zeigen, welchen Beruf sie erlernen und woran sie arbeiten. Ausbildungsordnungen nehmen dann plötzlich Gestalt an.

Sie beide nehmen auch an dem IHK-Projekt ‚Wirtschaft unterstützt Schulen’ teil. Unternehmensvertreter informieren Schüler über Berufe, Ausbildungsvoraussetzungen und die Situation auf dem Ausbildungsmarkt. Wie nehmen Schüler solche Berichte auf?

Lindenberg: Ist der Schüler mit seinen Eltern bei einer Veranstaltung, stellt er Fragen und setzt sich mit dem Bericht auseinander. Sind die Schüler unter sich und wurden nicht entsprechend vorbereitet, sind sie meist sehr zurückhaltend. Sie müssen erst lernen zu fragen und zu realisieren, dass es hier um sie und ihre Zukunft geht.

Merken Sie, dass Sie in der Schule mehr und mehr Erziehungsaufgaben der Eltern wahrnehmen müssen?

Lindenberg: Ja, das hat im Laufe der Zeit deutlich zugenommen. Es gibt vor allem zu viele Alleinerziehende. Kinder lernen zuhause nicht mehr, wie Erwachsene sich auseinandersetzen, wie sie miteinander sprechen. Es wird nicht mehr vorgelebt, was wir in der Schule von den Kindern erwarten. Die Erwachsenenwelt ist ganz weit weg, sie sind eigentlich immer unter ihresgleichen. Und dennoch müssen sie zuhause praktisch für sich allein sorgen.

Führen sie die häufig beklagte mangelnde Ausbildungsreife vieler Schulabgänger auch auf diese Defizite im Elternhaus zurück?

Lindenberg: Kinder kennen häufig keine Rituale mehr zuhause, keine Ordnung. Dann hapert es später auch daran, sich an Vorgaben zu halten oder Pflichten zu erfüllen. Viele Kinder haben gar nicht das Gefühl etwas Unrechtes zu tun, wenn sie bestimmte Regeln nicht einhalten.

Kamke: Auch in der Ausbildung merken wir relativ deutlich, wenn sich das Verhalten eines Lehrlings von einem Tag auf den anderen ändert. Mangelnde Zuverlässigkeit, Pünktlichkeit und häufige Fehlzeiten sind oft auf Veränderungen in der häuslichen Umgebung zurückzuführen. Normalerweise regeln wir so etwas zwischen Ausbilder und Lehrling. In Ausnahmefällen binden wir auch die Eltern mit in die Klärung ein.

Lindenberg: Dieses Kümmern um den Einzelnen, das ist ganz wichtig.

Ist so eine intensive Betreuung überhaupt leistbar?

Lindenberg: Wenn ich es wirklich will, gibt es ganz viele Kontaktmöglichkeiten. Ich muss nur zeigen, dass ich offen dafür bin, und zwar nicht nur in meinem Unterricht.

Kamke: Es ist sicherlich nicht ganz einfach, im Schul- oder Arbeitsalltag eine zwischenmenschliche Beziehung zu jedem Einzelnen aufzubauen. Deshalb unternehmen wir auch über die normale Arbeitszeit hinaus einiges mit unseren Lehrlingen. Vor Kurzem trafen wir uns zum Beispiel zum Bowlen, dazu hatten die Anlagenmechaniker eingeladen. Die Lehrzeit beginnt bei Butting mit unserer Teamwoche, in der sich die Lehrlinge untereinander kennenlernen und gemeinsam erarbeiten, welche Rechte und Pflichten mit der Ausbildung verbunden sind. Diese Woche endet mit der Azubi-Fahrt, bei der wir mit allen Lehrlingen einige Tage verreisen und ein Partnerunternehmen besichtigen. Dort lernen wir uns gegenseitig von einer ganz anderen Seite kennen.

Welche Wünsche oder Erwartungen haben Sie gegenseitig aneinander? Was könnte besser laufen in der Verzahnung zwischen Schule und Unternehmen, welche Aufgaben müssen intensiver erfüllt werden im Hinblick auf die Qualifikation der Schüler?

Kamke: Von den allgemeinbildenden Schulen erwarten wir, dass sie ihren Bildungsauftrag erfüllen, also die Ausbildungsreife der Schulabgänger sicherstellen. Dazu gehören individuelle Tugenden wie Leistungsfähigkeit, Pünktlichkeit und das Interesse oder Engagement, sich das Ziel der Ausbildung anzueignen. Von den Lehrern erwarten wir, dass sie von ihren Schülern Leistung einfordern – nicht nur innerhalb der Schule, sondern auch in Form von Hausaufgaben. Diese Tugenden spiegeln die Erwartungen an unsere Lehrlinge wieder.

Eine andere Forderung richtet sich eher an die Ministerien: Wir sehen, dass unsere Lehrlinge, die wir zu 100 Prozent für den Berufsschulunterricht freistellen, gerade mal zu 80 Prozent mit Unterricht versorgt werden. Aufgrund des Lehrermangels sind die Schulen offensichtlich nicht in der Lage, mehr zu leisten. Das ist ein großes Dilemma. Darüber hinaus fehlen Lehrern – und das ist ein Fehler im System – die Zeiten für Dinge, die über den Unterricht hinausgehen: Mit den Betrieben zu kommunizieren und Veranstaltungen zu planen, darf letztlich nicht zulasten des Unterrichts gehen

Lindenberg: Ich würde mir wünschen – und das richtet sich ebenfalls an das Ministerium –, dass Lehrer die Möglichkeit erhalten, ein Lehrerbetriebspraktikum zu absolvieren. Teilweise in den Ferien, teilweise aber auch durch eine Freistellung vom Unterricht für zwei oder drei Wochen. Wenn ich selbst Dinge praktisch erfahre, gebe ich sie ganz anders weiter, als wenn ich sie mir nur angelesen habe. Was die Unternehmen in der Region angeht, sind wir sehr froh und dankbar, dass sie immer wieder Betriebs- und Praxistage für einen Blick hinter die Kulissen anbieten. Die Betriebe sind grundsätzlich offen: für eine Führung, ein Gespräch oder für die Übernahme eines Praktikanten.

Kamke: Die Bereitschaft ist da, das ist überhaupt keine Frage. Man darf aber auch nicht vergessen, worum es letztlich geht: Der Lehrauftrag der Schulen steht im Mittelpunkt. Die Grundlagen müssen vermittelt werden; sie sind die Basis, die wir für unsere Ausbildung brauchen. Ein Schulabschluss muss für eine gewisse Qualität stehen.

Lindenberg: Darauf werden auch die Schulen künftig wieder mehr Wert legen. Der neue Realschul-Erlass verpflichtet dazu, in der siebten und achten Klasse Grundlagen zu vermitteln, und erst danach in die Spezialisierung zu gehen. Das war bislang anders.

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16.05.2012

EU-Klimapolitik muss verlässlich bleiben

Die Klimaschutz-Ziele der Europäischen Union schienen geklärt, die für ihre Erreichung erforderlichen Maßnahmen festgelegt. Doch nun mehren sich Vorstöße, die Zielmarken heraufzusetzen und die Regeln für den Emissionshandel zu verschärfen – einmal mehr im europäischen Alleingang. Der DIHK warnt nachdrücklich davor, den Unternehmen in Europa Planungs- und Rechtssicherheit vorzuenthalten und ihre internationale Wettbewerbsfähigkeit zu gefährden.