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VOLKER LINDE

Reif für die Ausbildung

Was Experten schon lange vorhergesagt haben, ist dieses Jahr eingetreten: Die Zahl der geschaffenen Ausbildungsplätze ist um gut vier Prozent rückläufig. Prompt setzen die Diskussionen wieder ein, ob die Wirtschaft genug ausbildet. In vielen Blättern ist zu lesen, dass der Ausbildungsmarkt zu stark von der wirtschaftlichen Entwicklung abhängt. Dies ist zwar durchaus richtig, die Gründe für die diesjährige Situation sind jedoch andere. Die Zahl der Schulabgänger ist in Niedersachsen um rund drei Prozent, im Bund um über vier Prozent rückläufig. Angesichts dieser Zahlen kann nicht ernsthaft erwartet werden, dass die Wirtschaft mehr Ausbildungsplätze schafft als in den Jahren zuvor.

Es trifft nicht zu, dass die Zahl der jungen Leute steigt, die nicht unmittelbar nach der allgemeinbildenden Schule in die Ausbildung übergehen. Richtig ist, dass die Zahl der Teilzeitberufsschüler – also derAuszubildenden – mittlerweile wieder bei über 60 Prozent liegt. Einige Jahre betrug sie nur noch knapp mehr als 50 Prozent. Den Kritikern sei auch gesagt, dass trotz des Pisa-Befunds – nach dem fast 25 Prozent eines Altersjahrgangs wesentliche vermittlungshemmende Merkmale haben – im Bundesdurchschnitt nur rund 15 Prozent eines Altersjahrgangs ohne beruflichen Abschluss bleiben. Dies zeigt eindeutig, dass gerade der berufliche Bildungsweg vieles, was in der allgemeinbildenden Schule nicht geschafft worden ist, reparieren hilft. Und dies ist letztendlich auch ein Verdienst der Wirtschaft.

Die Befunde legen dar, dass Verbesserungen der Situation im Kern in den allgemeinbildenden Schulen ansetzen müssen. Dies gilt umso mehr, als sich die rückläufigen Bewerberzahlen demografisch bedingt in den nächsten Jahren – mit Ausnahme des doppelten Abiturjahrgangs 2011 – deutlich verschärfen werden. Bis 2020 müssen wir mit 20 Prozent weniger Schulabgängern rechnen.

Der Handlungsbedarf in den Schulen wird noch deutlicher, wenn man die Abbruchquoten in Studien- und Ausbildungsgängen analysiert. Im Studium liegen diese bei rund 25 Prozent, in der Ausbildung in IHK-Berufen bei etwa zehn Prozent. Alle Schulen, vor allem Gymnasien, müssen deshalb eine bessere Berufs- und Studienorientierung bieten. Bisher gibt es dafür kein systematisches und in einem Fach verankertes Standardprogramm.

Sicher muss auch weiter an der Leistungsfähigkeit unserer Schulabgänger gearbeitet werden. Pisa zeigt zwar einen Kompetenzzuwachs in den letzten Jahren. Dieser Erfolg ist jedoch im Wesentlichen ein Erfolg der Gymnasien. Das Leistungsniveau der Haupt- und Realschüler, die sich insbesondere für eine Ausbildung interessieren, ist im Durchschnitt in den letzten Jahren tatsächlich nicht in dem erforderlichen Maße gestiegen, um in neuen und modernen Berufen mit hohen Anforderungen ausgebildet werden zu können. Es bleibt also viel zu tun. Die allgemeinbildenden Schulen müssen die Themen Ausbildungsreife und Berufsorientierung systematischer, schneller und engagierter angehen. Das erfordert entsprechende Mittel, z. B. für kleinere Klassen. Bleibt zu hoffen, dass die aktuelle Rezession nicht dazu führt, dass die vielen guten Absichtserklärungen auf dem Altar des Sparens geopfert werden.

Um es klar zu sagen: Nur Bildung hilft, um dem sich abzeichnenden Fachkräftemangel entgegenzutreten.

Volker Linde
Leiter des Bereichs Aus- und Weiterbildung

Erschienen in 'Unsere Wirtschaft' November 2009

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