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IHK-Positionspapier Zur Zukunft der Innenstadt
(PDF, 41 KB) (Dokument-Nr.: 175290)
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Ob demographischer Wandel oder kontinuierlicher Wandel der Betriebsformen im Einzelhandel, sie bedrohen in ihren Konsequenzen die klassischen Funktionen der Innenstädte und Zentren.
Wie kann sich die Innenstadt in diesem Wandel behaupten? Wie kann sie mit ihren verschiedenen Funktionalitäten im Wettbewerb mit anderen Konzepten bestehen? Welche Rahmenbedingungen müssen erfüllt sein, damit die Innenstadt auch zukünftig (wieder) der Ort pulsierenden Lebens und Handelns ist?
Das IHK-Positionspapier 'Zur Zukunft der Innenstadt' bietet diverse Handlungsempfehlungen und Entscheidungshilfen für Politik, Verwaltung und Handel.
Zur Zukunft der Innenstadt – zur Innenstadt der Zukunft
Die Innenstädte in unserem IHK-Bezirk verfügen über ein hohes Potenzial an Attraktivität. Obwohl auf der Grundlage der europäischen Stadtkultur fußend – und oft unzerstört in den letzten europäischen Kriegen –, haben sie das Bild multifunktionaler Lebens- und Wirtschaftsräume nur teilweise bewahren können. In den letzten Jahrzehnten war das Stadtbild im sich verändernden Rahmen von Gesellschaft und Wirtschaft einem ständigen Wandel und Anpassungsprozess unterworfen. Dieser Prozess dauert an. Wesentliche Rahmenbedingungen, auf die sich die Innenstadt einstellen musste und muss, sind u. a.:
• Der demographische Wandel. Nachdem in den letzten Jahrzehnten das „Wohnen im Grünen“ am Stadtrand und in der Nähe der Städte bevorzugt wurde, entdeckt die schrumpfende und alternde Bevölkerung – dieser Trend zeichnet sich bereits ab – die Innenstadt neu. Dieses setzt aber voraus, dass die über die reine Handelsfunktion hinausgehende Multifunktionalität der Innenstädte als Wohn-, Kultur und Lebensraum erhalten bzw. wiederhergestellt wird.
• Der Wandel im Handel. Neben den etablierten Formen des innerstädtischen Handels sind in zunehmendem Maße neue Formen des großflächigen Einzelhandels an der Peripherie der Städte und im Umland getreten – betriebswirtschaftlicher Logik und den Wünschen der Verbraucher folgend. Discounter, Fachmarktzentren und neue Verkaufsformen wie Factory / Designer Outlet Zentren gehören ebenso wie der Internethandel zu den Herausforderungen, denen sich der Handel stellen muss. Zugleich stehen in der Innenstadt die inhabergeführten Einzelhandelsgeschäfte im Wettbewerb mit den Filialbetrieben, die – der wirtschaftlichen Logik der Immobilienbesitzer folgend – die erstgenannte Gruppe zunehmend verdrängt haben. Wie kann sich die Innenstadt in diesem Wandel behaupten? Wie kann sie mit ihren verschiedenen Funktionalitäten im Wettbewerb mit anderen Konzepten bestehen? Welche Rahmenbedingungen müssen erfüllt sein, damit die Innenstadt auch zukünftig (wieder) der Ort pulsierenden Lebens und Handelns ist?
Dem Wandel selbstbewusst begegnen
Der traditionelle Einzelhandel hat die Städte unserer Region über Jahrhunderte wesentlich geprägt. Er war und ist die tragende Säule der Vitalität und Urbanität der Innenstädte und kann dem Wandel durchaus selbstbewusst begegnen. Der demographische Wandel birgt nicht nur Gefahren in sich. Er bringt durch den sich verstärkenden Wunsch nach dem „Wohnen in der Stadt“ den Innenstädten auch neue Entwicklungsmöglichkeiten, die der Handel für sich nutzen kann. Ebenso sind neue Handelsformen, wie z. B. Factory Outlet Center, nicht nur beängstigende Konkurrenz, die man teilweise mit raumordnerischen Instrumenten zu verhindern versucht, sondern sie können auch als Kooperationspartner genutzt werden, mit denen neue Kundschaft in die Region und in die Innenstädte der Region gelockt werden kann.
Touristische Gesamtkonzepte, die die touristischen Leuchttürme der Region – Heide-Park, Vogelpark, Snow Dome etc., aber gegebenenfalls auch ein Factory Outlet Center – und die Städte der Region mit ihren vielfältigen Angeboten verknüpfen, können zu beidseitigem Vorteil genutzt werden. Unsere Städte haben mit ihrer historischen Authentizität – nicht als historisierende, auf im Wesentlichen eine Funktionalität reduzierte Shopping Villages – genug zu bieten, um ein solches Miteinander gewinnbringend zu nutzen.
Demographische Entwicklung nutzen
In den letzten Jahrzehnten hat sich das Bild unserer Innenstädte geändert: Waren ursprünglich Arbeiten – Handel, Handwerk, sogar Industrie – und Wohnen nebeneinander selbstverständlich und somit das Stadtbild vom pulsierendem Leben geprägt, sind in den letzten Jahrzehnten immer mehr Funktionen und damit ein Teil des Lebens nach außen verlagert worden. Ein Teil dieser Entwicklung, wie die Verlagerung von Industrie, war sicher – auch für ein attraktives Stadtbild – sinnvoll, ein anderer hingegen, wie die „Entwohnung,“ hat das Stadtbild verarmen lassen. Die Leerstände in den oberen Etagen der Geschäftshäuser in unseren Innenstädten sprechen eine deutliche Sprache: Das Wohnen findet inzwischen überwiegend draußen „im Grünen“ statt. Dabei hat es für die Innenstädte eine wichtige Funktion. Ohne Wohnbevölkerung veröden diese nach Geschäftsschluss. Das Downtown-Syndrom der amerikanischen Städte könnte auch bei uns das Endergebnis einer ungehemmten „Stadtflucht“ der Wohnbevölkerung sein. Die demographische Entwicklung bietet den Städten hier eine bisher noch wenig genutzte Chance: In der zunehmend alternden Gesellschaft zeigt sich eine Tendenz, nach der Familienphase „im Grünen“ wieder in belebtere innerstädtische Lagen zurückzukehren. Voraussetzung ist allerdings, dass – wie früher – das Wohnen in der Innenstadt in deutlich größerem Umfang als bisher (wieder) ermöglicht wird und dass dort auch wirklich Leben mit seinen unterschiedlichsten Facetten stattfindet.
Innenstädte lebenswert gestalten
Wesentliche Grundlage für die Attraktivität innenstadtnaher Wohnstandorte ist eine funktionierende Nahversorgung. Durch den Trend zu immer größeren Verkaufsflächen nimmt das Angebot an Waren des täglichen Bedarfs in den Stadtzentren aber immer mehr ab, da größere Lebensmittelanbieter sich anstatt in den kleinräumigen Innenstadtlagen auf der „grünen Wiese“ ansiedeln. Durch das Verschwinden dieser Frequenzbringer verschwinden auch immer mehr die kleineren Anbieter, wie u. a. Bäcker oder Metzger, da die Kundenfrequenz nicht mehr für auskömmliche Umsätze ausreicht. Gerade ältere Menschen sind aber häufig weniger mobil und damit – vor allem für den alltäglichen Bedarf – auf Angebote innerhalb ihrer Wohnquartiere oder in zentralen, gut erreichbaren Lagen, wie den Innenstädten, angewiesen. Gefragt sind deshalb Nahversorgungskonzepte, die auch die Innenstädte einbeziehen, und eine Bauleitplanung, die es ermöglicht, durch geeignete bauliche Maßnahmen – ohne für die Eigentümer und Investoren unüberbrückbare Hemmnisse – aus der kleinteiligen Gebäudesubstanz größere Einheiten für auskömmliche Verkaufsflächen zu schaffen. Andererseits können kleinere Werkstätten das Stadtbild bereichern und Leerstände, die vom Einzelhandel wegen ihrer Größe oder Lage nicht genutzt werden können, könnten wieder belebt werden. Auch wenn die Innenstädte schon immer auch Freizeitangebote bereithielten – Museen, Ausstellungen, Büchereien, Kino etc. – gewinnen sie in letzter Zeit durch den Trend, das Einkaufen ebenfalls als eine beliebte Freizeitbeschäftigung zu sehen, immer mehr Bedeutung als Standorte für Freizeit und Erlebnis. Für insbesondere die ältere Bevölkerung spielen dabei die öffentliche Sicherheit und die Sauberkeit, aber auch eine ansprechende Gestaltung von öffentlichen Plätzen, Gebäuden, Grünanlagen, Gehwegen etc. eine herausragende Rolle. Durch geeignete gestalterische Maßnahmen und durch die Verbindung von Handel, Kultur, Gastronomie und anderen Freizeiteinrichtungen kann eine größere Besucherfrequenz in den Innenstädten und somit ein Kaufkraftzufluss erreicht werden.
Zurück zur Multifunktionalität
Unsere historischen und reizvollen Städte lebten von ihrer Multifunktionalität und sie sollten es wieder tun. Nicht nur Handel, auch das Handwerk und die Vielfalt unterschiedlichster Dienstleistungen gehören neben Banken und Versicherungen, Ärzten, Rechtanwälten zum innenstädtischen Angebot. Ganz zu schweigen von einem vielfältigen gastronomischen und kulturellen Angebot. Nur in der Gesamtheit aller Möglichkeiten wird die Innenstadt in Zukunft wettbewerbsfähig sein!
Historische Stadtbilder wirtschaftsverträglich erhalten
Die historische Entwicklung unserer Innenstädte hat Stadtbilder hervorgebracht, die ein spannungsreiches und authentisches Erleben der Stadt ermöglichen – im Gegensatz zu künstlich geschaffenen Einkaufswelten, die teilweise bewusst an historische Stadtbilder anzuknüpfen versuchen. Von diesem positiven Gesamterscheinungsbild profitieren die ganze Innenstadt, ihre Wohnbürger und dort ansässige Unternehmen. Diese historische Substanz gilt es einerseits zu erhalten. Allerdings belastet überzogener Denkmalschutz die innenstädtische Wirtschaft und besonders den Handel und richtet sich im Ergebnis gegen die Stadt selbst. Er schränkt den Aktionsradius bei der Fassadengestaltung, der Gestaltung der Geschäftsräume im Hinblick auf deren wirtschaftlich notwendige Größe und Funktionalität und die Möglichkeiten einer attraktiven Außenwerbung ein. Der Denkmalschutz darf aber die Dynamik der Städte nicht behindern, sondern muss ein förderndes Element ihrer Lebendigkeit werden. Dafür muss ein für alle Beteiligten gangbarer Weg zwischen dem Anliegen, die historische Bausubstanz zu erhalten, und den Eigentümer- und Unternehmensinteressen gefunden werden.
Erreichbarkeit der Innenstädte gewährleisten
Fußgängerzonen und sonstige verkehrsberuhigte Bereiche, die zu einem gemütlichen Einkaufsbummel oder einem entspannten Aufenthalt einladen, steigern die Erlebnisqualität unserer Innenstädte. Sie bieten Raum für Begegnung und Freizeit und tragen damit zur Lebendigkeit der Städte bei. Diesen Anliegen ist Rechnung zu tragen ohne damit einer Handelsverlagerung an die Peripherie der Städte, wo dem Kunden hinreichend Parkraum zur Verfügung gestellt werden kann, Vorschub zu leisten. Eine Abwägung zwischen Erreichbarkeit und Beruhigung ist gefordert, die sowohl der Attraktivität der Stadtzentren als auch dem Bedürfnis der Bürger und Unternehmen nach Mobilität Rechnung trägt. Die Warenlieferung in den Städten muss den Erfordernissen des Handels, des produzierenden Gewerbes und der Gastronomie entsprechen. Die zu engen Zeitfenster für die Anlieferzeiten müssen den Bedürfnissen der Unternehmen angepasst werden. Darüber hinaus muss zumindest die unmittelbare Umgebung der Innenstädte für den motorisierten Individualverkehr erreichbar bleiben. Menschen, die in der Innenstadt leben und arbeiten muss der Zugang ermöglicht werden. Hierzu können innovative Verkehrskonzepte für Zuwegung und Parkflächen beitragen. Diesen Gesichtspunkten ist auch bei der eventuellen Ausgestaltung von Umweltzonen Rechnung zu tragen.
Ganzheitliche Konzepte für Stadtentwicklung gemeinsam entwerfen
Staatliche und kommunale Konzepte für die (Re-)Vitalisierung der Innenstädte sollen private Initiativen unterstützen, damit diese nachhaltig Erfolg haben. Neue Ansätze für ein Miteinander öffentlicher und privater Akteure zum Nutzen der Stadt, wie die vom Niedersächsischen Ministerium für Soziales, Frauen, Familie und Gesundheit initiierte Quartiersinitiative Niedersachsen, leisten hier einen positiven Beitrag und sind weiterzuentwickeln. Dadurch können neue Impulse zur Stärkung der Innenstädte als Einzelhandels- und Dienstleistungsstandorte gesetzt werden. Der traditionelle Ansatz von privaten Standortgemeinschaften, an denen sich Grundstückseigentümer, Einzelhändler, Gewerbetreibende und Werbegemeinschaften beteiligen, verliert deswegen nicht an Bedeutung. Alle diese Initiativen tragen zur nachhaltigen Identifikation der Akteure mit ihrer Stadt bei und sind somit eher zielführend als bloße staatlich angeordnete Aktivitäten. Entscheidend ist, dass es auf diese Weise gelingt, das gesetzte Ziel zu erreichen, die Innenstädte mit neuem Leben zu versehen und in ihrer wirtschaftlichen und sozialen Funktion neu zu beleben. Gegebenenfalls muss auch über Lösungen wie Business-Improvement-Districts (BID) nachgedacht werden, wenn auf andere Weise die gewünschten Ziele nicht erreicht werden können. Gefragt ist insgesamt eine ressortübergreifende „Politik aus einem Guss“, die darauf achtet, dass die Revitalisierung der Innenstädte nicht durch andere staatliche Maßnahmen, z. B. im Bereich der Steuer-, Verkehrs- oder Umweltpolitik, konterkariert wird.
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