Seit 2003 engagiert sich die IHK-Organisation in der 'Allianz für Familie', die Initiativen zur Förderung der Vereinbarkeit von Familie und Beruf bündelt. Sie geht auf eine Initiative der Bundesfamilienministerin Renate Schmidt und der Geschäftsführerin der Bertelsmann Verwaltungsgesellschaft Liz Mohn zurück. Für die IHKs hat das Thema familienfreundliche Personalpolitik nicht nur eine gesellschaftspolitische Dimension. Es ist auch wirtschaftspolitisch und betriebswirtschaftlich sehr relevant.
Die demographische Entwicklung mag zwar in vielen Diskussionen überdramatisiert werden. Unbestreitbar ist allerdings, dass die Bevölkerungszahlen in Deutschland perspektivisch nach unten zeigen. Die durchschnittliche Geburtenrate liegt mit 1,3 deutlich unter den internationalen Vergleichszahlen. Weniger Kinder bedeuten weniger Erwerbspersonen und damit auch ein geringeres Wachstumspotenzial. Bei einer jährlich gleich bleibenden Nettozuwanderung von 200.000 Menschen geht das Erwerbspersonenpotenzial bis zum Jahr 2050 von derzeit knapp 43 Millionen auf 30 Millionen zurück. Der Anteil alter Menschen, die nicht mehr im Erwerbsleben stehen, nimmt in der Tendenz zu. Der verfügbare Arbeitsmarkt wird ebenso wie der Konsum schrumpfen.
Allein schon die hier skizzierte Entwicklung könnte zu einem Fachkräftemangel und zu einer Abwertung des Wirtschaftsstandortes Deutschland führen. Darüber hinaus haben wir allerdings auch ein Bildungsproblem. Anders als in Ländern wie Schweden, Finnland oder Frankreich ist in Deutschland der Anteil der Schulabgänger mit einem Bildungsabschluss der Sekundarstufe II in den vergangenen Jahren geschrumpft. Es gibt eine zunehmende Zahl von Schulversagern, zu wenig Studenten und unter diesen zu viele Studienabbrecher. Generell wird auch die Qualität vieler Schulabgänger aus Sicht der Unternehmen zunehmend schlecht bewertet. Die PISA-Ergebnisse bestätigen die Einschätzungen unserer Mitgliedsbetriebe. Noch ein eine weitere Tatsache: Der Anteil der gut qualifizierten Frauen nimmt zu!
Das Gewicht des hier skizzierten Problems darf nicht unterschätzt werden: Im Jahr 2020 verlassen 20 Prozent weniger Schüler die deutschen Bildungseinrichtungen. Der Anteil gut Qualifizierter unter ihnen muss entsprechend merklich höher liegen als heute. Eine enorme Aufgabe für die deutsche Bildungspolitik. Die Personalressourcen für die Unternehmen werden knapper, die Bindung qualifizierten Personals an die Unternehmen immer wichtiger. Unter den gut Qualifizierten werden sich zudem immer mehr Frauen befinden. Lange Ausfallzeiten durch Eltern- und Erziehungszeiten sind für die Betriebe vor diesem Hintergrund problematisch. Die Bindung von Eltern an den Betrieb wird immer wichtiger.
Aus volkswirtschaftlicher Sicht ist es zudem von Bedeutung, die Geburtenrate zu erhöhen, um langfristig wieder eine positive demographische Entwicklung zu erreichen. Internationale Vergleichsstudien zeigen, dass die Geburtenrate mit dem Anteil berufstätiger Frauen und dem Grad der erreichten Gleichberechtigung positiv korreliert. Mit anderen Worten: In modernen Gesellschaften wollen sich Frauen beruflich entwickeln und wirtschaftlich unabhängig sein. Dort, wo sie dies problemlos können, gebären sie auch. Dass Frauen Kinder bekommen können und auch bekommen, darf sich in einer solchen Gesellschaft nicht negativ auf die beruflichen Chancen auswirken.
Aus Sicht der IHK-Organisation müssen die folgenden Leitlinien das wirtschaftspolitische Handeln bestimmen:
- Deutschland zu einem kinderfreundlichen Land machen: Die Betreuungsquote der unter dreijährigen, aber auch der über sechsjährigen Kinder muss vor allem in Westdeutschland erhöht und die Qualität insgesamt verbessert werden. Die Betreuungseinrichtungen müssen verstärkt Wert auf frühkindliche Förderung legen, denn Bildung ist die beste Prävention vor Arbeitslosigkeit. Die Öffnungszeiten der Betreuungseinrichtungen müssen sich stärker an den Arbeitszeiten der Eltern orientieren. Ausbau und Sicherung einer angemessenen Infrastruktur von guten Krippen und Kindergärten ist eine zentrale kommunale Aufgabe - unsterstützt auch durch das freiwillige Engagement von anderen Trägern, wie z. B. Kirchen und Betrieben.
- Zeitgemäße Erwerbsbiographien fördern: Die Kinderbetreuung muss sich dem veränderten Erwerbsverhalten von Eltern anpassen. Ist eine nachfrageorientierte Kinderbetreuung aufgebaut, sollte die Elternzeit auf ein Jahr verkürzt werden. Um die Attraktivität dieser kürzeren Elternzeit zu erhöhen, sollte zugleich über das Steuer- und Transfersystem ein finanzieller Ausgleich als Prozentsatz des letzten Nettoeinkommens gezahlt werden. Dieses Elterngeld muss durch Umschichtung innerhalb der familienpolitischen Ausgaben finanziert werden.
- Kinderfreundlichkeit im Steuersystem berücksichtigen: Erwerbsbedingte Betreuungskosten für Kinder sollten in vollem Maße steuerlich als Werbungskosten abgesetzt werden können. Dies ist eine Investition in die Steuerzahler von morgen und dadurch Ausdruck einer nachhaltigen Finanzpolitik.
- Regionale Akteure vernetzen - Kinderfreundlichkeit erleichtern: Auf regionaler Ebene sollten sich Kooperationspartner wie Städte, Kirchen, Kommunen, Jugendämter, Unternehmen, Verbände und Kammern zu lokalen Netzwerken ('lokale Bündnisse für Familie') zusammenschließen, um gemeinsam für eine familienorientierte Region zu arbeiten.
- Rechtliche Hürden bei der Kinderbetreuung beseitigen: Die Kinderbetreuung wird durch Landesgesetze reglementiert. Oftmals verhindert eine restriktive Gesetzgebung notwendige Verbesserungen zur Balance von Familie und Arbeitswelt. Die Gesetze müssen dahingehend verändert werden, den Anforderungen des flexiblen Arbeitsmarktes zu entsprechen.
Diese Forderungen der IHK-Organisation sind auch die Leitlinien der Kammern bei der Mitwirkung in der Allianz für Familie und bei der Unterstützung lokaler Bündnisse für Familie in der Region.