Vollversammlung verabschiedet neuen Fahrplan

Zur ersten Vollversammlung des Jahres 2017 kam das Parlament der Wirtschaft Anfang März in den Räumen der Wolfsburg AG zusammen. Gastgeber Julius von Ingelheim gab einen kurzen Einblick in die Geschichte des Unternehmens und bedankte sich für die gute Zusammenarbeit mit der IHK. „Nicht nur bezüglich der A 39 ziehen wir an einem Strang, auch wenn es sicherlich nichts Schlimmeres gibt, als im Stau zu stehen“, begrüßte Julius von Ingelheim Präsidium und Vollversammlung.
Gleich zwei neue Vollversammlungsmitglieder begrüßte IHK-Präsident Olaf Kahle in Wolfsburg: Andreas Gensch, Inhaber der Andreas Gensch Pferdefuhrfahrten aus Lüneburg, und  Christian Bornstein. Bornstein ist Geschäftsführer der ai Solution GmbH in Wolfsburg, ein Maschinenbauunternehmen für Agrarmaschinen mit Spezialisierung auf Spargelpflanz- und Vollerntemaschinen.
Eine besondere Ehrung wurde Vollversammlungsmitglied Edith Bischof aus Wesendorf im Landkreis Gifhorn zuteil: Sie bekam im Februar die Verdienstmedaille des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland verliehen. Geehrt wurde sie für ihr außergewöhnliches Engagement im Rahmen des „Projekt Vorfahrt“. Bischof leitet ein Busunternehmen inklusive Reisebüro und engagiert sich seit Jahrzehnten für den Wiedereinstieg von Frauen ins Berufsleben. Ende der achtziger Jahre setzte sie sich für ein Ausbildungsprogramm  ein, das Frauen zu Busfahrerinnen qualifizierte. Das „Projekt Vorfahrt“ startete 2004. Seitdem gab es 14 Projekte mit 300 Teilnehmern – mittlerweile auch Männer. „Und was mich besonders freut, fast alle erreichen eine langfristige Beschäftigung“, sagte Bischof, die von Kahle einen Blumenstrauß erhielt. Das Projekt ist ein Gemeinschaftsprojekt von Bischof, Volkswagen Coaching und dem Bildungswerk Verkehrsgewerbe Niedersachsen.
Im Mittelpunkt der Sitzung stand jedoch die Diskussion rund um das Thema Fusion/Kooperation mit der IHK Braunschweig. Hintergrund: Im Februar hatten die Präsidien der IHK Lüneburg-Wolfsburg und der IHK Braunschweig beschlossen, den von den beiden Präsidenten Olaf Kahle und Helmut Streiff eingebrachten Vorschlag zur Prüfung einer gemeinsamen IHK weiterzuverfolgen. Daraus entwickelte sich eine öffentliche Fusionsdiskussion, die einige Mitglieder verunsicherte. „Als Reaktion auf diesen zum Teil auf falschen Tatsachenbehauptungen fußenden Diskurs haben wir im Vorfeld der Vollversammlung beschlossen, die Sondierungsgespräche vorerst zu stoppen, um alle Mitglieder mitzunehmen“, erklärte Olaf Kahle, Präsident der IHK Lüneburg-Wolfsburg.
Partizipation, Ergebnisoffenheit und Entscheidungsfindung – diese Schlagworte standen im Mittelpunkt der anschließenden Diskussion, die die Vollversammlung an diesem Tag bestimmte. Einige Mitglieder fühlten sich im Vorfeld der Sitzung nicht umfassend genug informiert. „Ich fühle mich nicht abgeholt und bin extrem verärgert: Fusionsgespräche zu beginnen, ohne die Vollversammlung vorher zu informieren, das geht nicht“, erklärte Frank Dalock aus Lüneburg. „Wir reden hier über das Existenziellste, nämlich den Fortbestand meiner Kammer, unserer Kammer. Statt mit uns selbst, sollten wir uns wieder dem Kern unserer Aufgabe widmen.“ Dr. Hans-Heinrich Aldag, Vollversammlungsmitglied aus Harburg, schloss sich der Kritik an. „Ich hätte mir schlichtweg gewünscht, dass wir den Strategieprozess erst einmal hier bei uns beginnen, dass wir erst einmal hier in unserer Vollversammlung diskutiert und gestritten hätten.“
Gemeinsam mit Hauptgeschäftsführer Michael Zeinert stellte IHK-Präsident Olaf Kahle die Chancen einer engeren Zusammenarbeit ebenso vor, wie bereits bestehende Kooperationen und gemeinsame Projekte. „Ich fühle mich jetzt deutlich besser informiert und möchte die strategischen Bemühungen mitbegleiten“, erklärte Gesine Wischmann aus dem Heidekreis. Und Ruth Staudenmayer aus Neu Wulmstorf verwies darauf, wie wichtig es sei, in alle Richtungen zu denken: „Ich finde es legitim zu diskutieren, wie geht es weiter? Stillstand ist Rückschritt. Jeder von uns fragt sich doch, wo steht mein Betrieb im Jahr 2030. Es muss aber darum gehen nicht politisch zu sein, sondern wirtschaftlich sinnvoll.“ Genau dieses Argument griff auch Thorsten Hensel aus Lüchow-Dannenberg auf:  „Wir haben hier Verantwortung. Ich lasse mir von keinem Landrat oder Oberbürgermeister vorschreiben, wie ich zu denken, zu reden oder zu handeln habe.“
Kritische Worte, die das Präsidium an- und aufnahm. „Genau deshalb soll es eine Arbeitsgruppe geben. Wir stehen hier am Anfang einer Diskussion und nicht am Ende“, erklärte Kahle. Die Arbeitsgruppe „IHK Kooperation“ hat den ergebnisoffenen Auftrag hat, bis spätestens zur Sitzung im September 2017 Positionen und Anforderungen der IHK Lüneburg-Wolfsburg für die vertiefte Kooperation mit Nachbar-IHKs zu erarbeiten.
Kahle betonte, dass es um die zukünftige, langfristige Ausrichtung der IHK gehe. Zwar habe man in den vergangenen vier Jahren gemeinsam viel auf den Weg gebracht, der Wandel sei jedoch nicht aufzuhalten. „Eine IHK 2030 muss stark, dezentral und fit für die Zukunft sein. Wenn wir uns jetzt nicht mit diesem Prozess befassen, vergeben wir eine Chance. Das könnten wir eines Tages sehr bereuen.“
In geheimer Abstimmung sprachen sich 77 Prozent der 57 anwesenden Mitglieder für die Gründung einer Arbeitsgruppe aus, 13 Vollversammlungsmitglieder stimmten dagegen. „Wir wollten diskutieren, um unser Ehrenamt abzuholen und ich bin sehr froh, dass uns das gelungen ist“, sagte Kahle am Ende der mehrstündigen Versammlung. Die nun beschlossene Arbeitsgruppe wird aus den Mitgliedern des Präsidiums sowie aus jeweils zwei weiteren Vollversammlungsmitgliedern aus jedem Landkreis und aus der Stadt Wolfsburg bestehen. Das erste Treffen ist für Ende April geplant. „Ziel der Arbeitsgruppe ist es, ergebnissoffen alle Varianten zu betrachten“, unterstrich Kahle. Und Dr. Ludger Benien, Vollversammlungsmitglied aus Celle, fasste es wie folgt zusammen: „Ludwig Erhard hat es einmal so formuliert: ,Das Wichtigste an einer IHK ist mir der von Einzelinteressen freie und objektive Rat der Wirtschaft'. Lassen Sie uns in diesem Sinne versuchen gemeinsam Antworten auf die drei wichtigsten Fragen zu finden: Was ist der Nutzen? Was ist das Risiko? In welchem Verhältnis stehen Nutzen und Risiko?“ Ein Auftrag, dem sich die Arbeitsgruppe stellen wird.
Des Weiteren beschloss die Vollversammlung ein vorgelegtes Positionspapier zur „Öffnung der Platzrandstraße zur Entlastung der A 7“, das Martin Exner, Bereichsleiter Standortpolitik, vorstellte. Auch die „Wirtschaftspolitischen Positionen 2017“, die IHK-Hauptgeschäftsführer Michael Zeinert vorstellte, wurden von dem Gremium einstimmig beschlossen. „Jeder wirtschaftspolitische Äußerung, die wir tätigen, braucht ein Fundament, ganz besonders vor dem Hintergrund der anstehenden Bundestagswahl“, sagte Zeinert. Auf den Weg gebracht wurde auch eine Neufassung der Prüfungsordnung für die Sachkundeprüfung im Bewachungsgewerbe.